Laudatio auf Peter Scholl-Latour von Reinhard Erös

Als mich vor wenigen Wochen ein Anruf erreichte, hier aus Berlin, aus der Redaktion der Jungen Freiheit, und mir die ehrenvolle Aufgabe angeboten wurde, bei der Verleihung dieses Gerhard-Löwenthal-Ehrenpreises als Laudator zu wirken, war ich überrascht, äußerte Bedenken und wollte es eigentlich ablehnen, denn nach meiner Überzeugung - und die gilt auch heute Mittag -, hat eine Laudatio als eine Lobrede doch von oben nach unten zu erfolgen: der Vater lobt den Sohn, der Lehrer lobt den Schüler - nicht umgekehrt. Und für mich als alten Militär: der Kommandeur lobt den Soldaten und nicht umgekehrt.

 

Wenn ich mir vorstelle, daß zu meiner Zeit als Regimentskommandeur auf dem Kasernenhof einer meiner Gefreiten zu mir gekommen wäre, hätte mir auf die Schulter geklopft und gesagt, Herr Oberstarzt, war in Ordnung, bin ich einverstanden, dann weiß ich nicht, was ich da geantwortet hätte. Bestenfalls hätte ich leicht geschmunzelt.

 

Nun, heute stehe ich vor Ihnen, denn Sie meine Damen und Herren der Jury haben sich über alle meine Bedenken und Skrupel hinweggesetzt und entschieden, mit dem GLP 2008 Herrn Dr. Peter Scholl-Latour, einen Vertreter der Champions League des internationalen Journalismus, durch die Laudatio eines Spielers der Kreisklasse ehren zu lassen.

 

Für mich ist es deshalb neben der großen Ehre auch eine intellektuelle und quasi sportliche Herausforderung, muß ich doch in den nächsten 20 Minuten zumindest meine geistigen Nackenmuskeln strapazieren, um „von weit unten nach ziemlich weit oben“ zu sprechen.

 

Unser Laudandus hat in den vergangenen Jahrzehnten schon Dutzende solcher Laudationes über sich ergehen lassen müssen. All diese Ehrungen aufzuzählen – von der „Goldenen Kamera“ 1969 über den „Adolf-Grimme-Preis“ 1977 bis zum „Henri-Nannen-Preis 2005“, von der Aufnahme in die Französische Ehrenlegion 2005 bis zur Auszeichnung mit dem Bundesverdienstkreuz Erster Klasse im Jahr 2006 durch den Herrn Bundespräsidenten, um auch nur wenige zu erwähnen – würde den Großteil der mir zugestandenen zwanzig Minuten beanspruchen. Ich erlaube mir daher, dies unserem Preisträger zu ersparen.

 

Und all seine Bestseller-Bücher, seine ausgezeichneten Filme und TV-Berichte auch nur stichwortartig zu erwähnen, wäre eine Abend füllende Aufgabe.

Drei Ihrer Bücher, verehrter Peter Scholl-Latour, muß ich pro domo ansprechen; denn sie haben mich nicht nur fasziniert, sondern mich bei meiner Arbeit in Krisengebieten, und das war ja weiß Gott nicht nur Afghanistan, ich habe in 15 Krisengebieten insgesamt 13 Jahre gearbeitet, in Osttimor, Uganda usw. in besonderer Weise unterstützt. Als ich 1994 wenige Monate nach dem Massaker in Ruanda im Auftrag einer internationalen Hilfsorganisation als ärztlicher Leiter in der Grenzstadt Goma am Kivu-See zum Einsatz kam, hatte ich keinerlei Erfahrungen in Zentralafrika und kaum Zeit zur Vorbereitung. Ihr literarisches Erstlingswerk "Matata am Kongo" von 1961 und Ihren Bestseller "Mord am großen Fluß", habe ich schon während des Fluges von Brüssel nach Kigali verschlungen und in den Folgewochen immer wieder als eine Art afrikanisches Kulturhandbuch herangezogen.

 

Zur Vorbereitung meiner Männer auf den ersten UNO-Blauhelmeinsatz der Bundeswehr, den ich als Bataillonskommandeur 1992 (2002) in Kambodscha führen durfte,  war der „Tod im Reisfeld“, das mit 2 Millionen Auflage bis dato erfolgreichste deutsche Sachbuch, Pflichtlektüre aller meiner Soldaten.

 

Viel leichter fällt es mir da schon, all die Kontinente und Länder aufzuzählen, die Peter Scholl-Latour in seinen über sechzig Jahren Journalismus bereist hat und aus denen er berichtet hat. Nämlich: alle 192 Staaten, die sich unter dem Dach der Vereinten Nationen zusammengefunden haben. Vor wenigen Monaten hat der den „Sack zugemacht“ und mit Osttimor ein Land besucht, das zu den unwirtlichsten und gefährlichsten auf diesem Globus gehört.

 

Fremde Erfahrungen ritzen die Haut, eigene Erfahrungen schneiden ins Fleisch.

Man schreibt diesen Satz Napoleon zu. Wenn dieser Ausspruch  denn zutreffen sollte, dann müßten Sie, verehrter Laudandus, heute mit Narben regelrecht übersäht sein. Denn ihre Vita, inzwischen im neunten Lebensjahrzehnt, wäre im Sinne Napoleons dann eine regelrechte „Metzelei“ gewesen.

 

Der zwölfjährige Peter, Sohn einer lothringischen Arztfamilie, wird 1936 von seinen Eltern, um Schmierigkeiten mit den Nazis zu entgehen, in ein katholisches Schweizer Internat gesteckt. Katholische Schulen scheinen eine große Rolle zu spielen bei der Preisvergabe. Ich war auch auf einem katholischen Internat, falls Sie also einmal wegen Preisträgern in Schwierigkeiten kommen …

 

Nach erfolgreichem Abitur 1943 und dem Kriegsende, entschließt sich der gerade Zwanzigjährige zum Eintritt in die französische Armee.

 

Hier, so könnte man im übertragenen Sinn jetzt sagen, begegnen wir beide uns zum ersten Mal, im zeitlichen Abstand allerdings von zwanzig Jahren. Das „Commando-Parachutiste-Ponchardier“ wird für zwei Jahre seine militärische Heimat. Eine Fallschirmjägerspezialeinheit, ähnlich der deutschen Fernspäh-Truppe, in der ich zwanzig Jahre später diente. Allerdings: Scholl-Latour kämpft im heißen Krieg Frankreichs in den Dschungeln von Indochina. Während ich zwei Jahrzehnte später im Kalten Krieg auf europäischen Übungsplätzen nur trainierte.

 

Was treibt einen jungen Mann dazu, sich mit einem Fallschirm auf dem Rücken, einem dreißig Kilogramm schweren Rucksack vor den Bauch geschnallt, mit dem Stahlhelm auf dem Kopf und einer Maschinenpistole in der Hand, aus einem intakten Flugzeug aus tausend Meter Höhe kopfüber in die stockdunkle Nacht zu springen?

 

Was macht ihn sicher, daß sich kurz vor einem tödlichen Aufschlag die sechzig Quadratmeter Fallschirmseide auch wirklich öffnen. Wie erträgt er die Ungewißheit, was ihn – er war ja im scharfen Krieg – nach der Landung am Boden erwartet? Sogenannte „Normalsterbliche“ werden dies nicht verstehen. Dies nachzuvollziehen – und noch mehr: dies selbst zu tun –, dazu gehört ein gehöriges Maß an Unnormalität. „Au délas du possible - über das Mögliche und das Normale hinaus lautete einst die Inschrift auf der Fahne des Eliteregiments, in dem Scholl-Latour diente.

 

Und diesen Leitspruch hat er als junger Fallschirmjäger verinnerlicht und zeit seines Lebens auch später als Journalist und Buchautor auf seiner persönlichen Fahnen mit sich geführt. Neugierde und eine archaische Lust am Unbekannten, Mut – oft bis zur Grenze der Tollkühnheit –, und die Härte gegen sich selbst, Professionalität und Perfektion des eigenen Handwerks sind herausragende Eigenschaften des jungen und immer noch jungen alten Scholl-Latour.

 

Aber, um eine wirkliche Größe zu werden, reichen sie nicht aus. Nicht beim Journalisten Scholl-Latour und  nicht beim Soldaten. In der Duologie der zwei Romane, die neben Scholl-Latour und mir wohl hier im Raum nur wenige kennen dürften, nämlich „Les Prétoriens“ und „Les Centurios“ von Jean Lartegue, steht die Figur eines französischen Fallschirmjäger-Offiziers im Mittelpunkt: Colonel Raspeguy. Erlauben Sie mir, hieraus eine knappe Sequenz zu zitieren: zwei Generäle – einer typischer Bürokrat aus dem Ministerium in Paris, der andere ein echter Troupier – unterhalten sich über Rasepguy, diesen in Indochina und Algerien erfolgreichen und hochdekorierten Helden und Haudegen. Zunächst der Bürokrat aus Paris: "Ich habe über Raspeguy viel nachgedacht; über dieses Tier mit Orden, diesen Fachmann in der Bewegung im Gelände, schlau wie ein Fuchs, ein Mensch, der seine Männer behandelt wie seine eigenen Söhne, und gleichzeitig doch ein archaisches Tier ist.  Für eine moderne Armee viel zu gefährlich. Wenn man mich fragte, ich würde ihn nie zum General machen. Was hätte wohl ein Napoleon mit ihm gemacht?" Der Troupier antwortet: „Er hätte wohl einen Marschall aus ihm gemacht. Napoleon glaubt an das Schicksal, an das Glück. Bevor er einen Oberst zum General macht, fragt er stets: ‚Hat er Fortune?’"

 

Dieser Raspeguy und Peter Scholl-Latour ähneln sich auch in anderen Dingen. Der eine im Buch, der andere in echt. Zum Beispiel in ihrer extremen Mimik-Armut. Wenn neben Raspeguy in Indochina die Granaten einschlugen, dann hat er keine Miene verzogen. Und das erlebe ich jetzt - teilweise darf ich es ja live erleben, wenn Peter Scholl-Latour in einer Fernsehdiskussion mit Politikern sitzt, mit völlig unwissenden, ich drücke es mal freundlich aus, politischen Dumpfbacken, bis hinauf in die Ministerien, dann läßt er sein Mißfallen optisch überhaupt nicht erkennen, sprachlich allerdings dann schon.

 

Fortune - bei den alten Griechen finden wir die beiden Götter Chronos, den Gott der Zeit und Chairos, den Gott der rechten Gelegenheit. Um ein wirklich ganz Großer zu werden, so die alten Griechen, bedarf es der Hilfe des Gottes Chairos, Er ist es, der dem Tüchtigen zum richtigen Zeitpunkt die Hand reicht. Ergreifen muß der Tüchtige die Hand dann selbst. Mindestens zweimal in seinem Journalistenleben reichte Gott Chairos diesem Journalisten die Hand. Und Scholl-Latour hat sie ohne zu zögern beidhändig ergriffen. 1973 gerät er in die Hände der Vietkong, wird ihr Gefangener.

 

Also der Truppe, der damals ein Mann, der jetzt in den letzten Jahren bei mir in Afghanistan Chef der Uno-Truppen war, das gesamte Vermögen seines Vaters vermachte. Ein gewisser Tom Koenigs. Der hat den Vietkong finanziell unterstützt und mit diesem Geld haben sie dann dort unten Scholl-Latour als Gefangenen behandelt. Recht ordentlich, wie wir danach gehört habe. Vielleicht hat es ja etwas damit zu tun – Sie sollten sich bei Tom Koenigs vielleicht bedanken, daß der Vietcong genug Geld hatte, um Sie durchzufüttern. Das war jetzt zynisch.

Er gewinnt ihr Vertrauen, darf während der Gefangenschaft filmen, und dieser Film wird zu einem Welterfolg.

Im Februar 1979 besteigt Peter Scholl-Latour in Paris ein Flugzeug, das einen Mann aus seinem Exil in die Heimat zurückbringt, der kurz darauf Weltgeschichte schreiben wird. Und Scholl-Latour gelingt es, während dieses Fluges als einziger westlicher Journalist mit diesem Mann, dem iranischen Revolutionsführer Ajatollah Khomeini, ein Interview zu führen. Dieses Gespräch macht Peter Scholl-Latour, wie er ab diesem Zeitpunkt genannt wird, endgültig zu einem journalistischen Titanen.

 

Knapp zehn Jahre später habe ich diesen Peter Scholl-Latour zum ersten Mal Auge in Auge erleben dürfen. Im brütend heißen Sommer 1986 auf meinem eigenen Terrain, in Peschawar, der pakistanischen Grenzstadt am Fuße des Khyber-Passes, damals Zentrum des afghanischen Widerstands gegen die sowjetischen Besatzer. Ich war seit drei Jahren, von der Bundeswehr unbezahlt beurlaubt, als Leiter einer deutschen Hilfsorganisation verantwortlich für eine – aus der Sicht der Sowjets illegale – medizinische Versorgung der paschtunischen Bergbauern, jenseits der Grenze. Eine abenteuerliche Zeit.

 

Wir saßen zusammen mit dem Namensgeber des heute zu verleihenden Preises, Herrn Gerhard Löwenthal, in der Villa des damaligen deutschen Konsuls und diskutierten über Gott und die Welt, über Allah und die Mudschaheddin. An Einzelheiten dieses Abends erinnere ich mich heute nicht mehr; denn die Bar des Konsuls war zu gut bestückt. Wenige Tage später war Scholl-Latour dann Gast in unserem Haus. Deutlich bescheidener als das des Konsuls und – ohne Bar. Meine Frau, unsere Söhne, eine kleine Gruppe deutscher Besucher, darunter ein Unteroffizier auf Urlaub aus meiner alten Einheit, lauschten stundenlang den Erzählungen aus seinen Reisen; es war wie aus „1001 Nacht“. Als Scholl-Latour dann zu früher Morgenstunde verlassen musste, wurde der Unteroffizier, ein bis dahin schweigsamer, urbayerischer Hauptfeldwebel, plötzlich überschwänglich gesprächig und hat eine Laudatio formuliert, die in ihrer Klarheit und Knappheit ihresgleichen sucht.

„Herr Oberfeldarzt, oans mues e eana soagn: der Scholl-Latour heit auf d’Nacht, des is a echter, wuider Hund!“

Für diejenigen unter ihnen, meine Damen und Herren, welche des Bayerischen nicht in Gänze mächtig sind, erfordert dieser Satz eine Erklärung. Zunächst eine sprachliche Übersetzung: „Herr Oberarzt, eines muß ich Ihnen sagen: dieser Scholl-Latour ist ein richtig wilder Hund!“

 

Schon der normale Hund, der Haushund, lateinisch canis canis – bezogen auf den Menschen – ist im Bayerischen, mit Ausnahme des „Windhundes“, nicht nur keine Beleidigung, sondern Ausdruck hoher Anerkennung. Der Ausdruck „Wilder Hund“ – lateinisch eher canis lupus – steht für höchste Anerkennung. Ein hochdeutsches Pendant, welches ähnliche Anerkennung ausdrückt, ist mir nicht bekannt.

 

Nun hat sich der Hauptfeldwebel mit seiner Laudatio 1986 sicher keine Gedanken machen können, wie richtig er mit dem Begriff „Wilder Hund“ bei Peter Scholl-Latour tatsächlich gelegen war.

 

Das absolute Gegenteil zum „Wilden Hund“ ist der „Windhund“. Der Ausdruck „Windhund“ für einen Mann ist im Bayerischern für einen Mann eindeutig negativ belegt: er steht für weibisch-elegant, stets frisch geföhnt und dezent parfümiert, sein Geruchssinn ist durch Premium-Hundefutter aus dem Deli-Geschäft verkümmert, er hält Abstand zu Schmutz und Distanz zu Mischlingen und Straßenkötern, fühlt sich am wohlsten im warmen Wohnzimmer und wird im Freien von Frauchen und Herrchen stets an der Leine geführt.

 

Bezogen auf den Journalisten würde „Windhund“ bedeuten: ängstlich und vorsichtig, politisch geschmeidig und korrekt, gehorsam gegenüber Chefredakteur und Intendant, fühlt sich am wohlsten in der warmen Redaktionsstube und überlässt die Außenrecherche eher den Anderen. Er ist der Typ: geistig verbeamteter Laptop-Tipper mit Pensionsanspruch, den er auch erleben möchte. Ein gesegnetes Alter erreicht der journalistische Windhund häufig doch nicht. Bewegungsarmut und Wohlstandskrankheiten raffen ihn meist früh dahin.

 

Der „Wilde Hund“ dagegen ist ein nicht zu domestizierender Streuner, der sich im dicksten Dreck wohlfühlt, sich dort wälzt, er ist neugierig, mutig und rauflustig, geht keiner Auseinandersetzung auch mit vermeintlich Stärkeren aus dem Weg. Er schnüffelt sich durch Dickicht und Gestrüpp; wenn er eine Spur wittert, lässt er nicht locker, sondern verfolgt sie, wenn nötig, stunden- und tagelang; sein Geruchssinn ist archaisch unverdorben und er folgt der Spur, tagelang wenn es sein muß. Er bellt, wenn er Gefahr wittert, und beißt zu, wenn Gefahr droht. Kommt er nicht schon in der Unerfahrenheit der jungen Jahre durch Wölfe, Bären oder den Jäger zu Tode, errreicht der Clevere und ausdauernde „Wilde Hund“ ein biblisches Alter.

 

Die Übersetzung auf den Journalisten als „Wilden Hund“ darf ich mir ersparen. Erlauben Sie mir stattdessen, auf Scholl-Latour, den Preisträger 2008, den alten lateinischen Glückwunsch auszusprechen: Ad multus annus, ad multus libros.

 

In der Sprache unserer gemeinsamen pakistanischen und afghanischen Freunde: Mubarak, mubarak, rais daktar Peter Scholl-Latour.

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