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Interview

Sonntag, 08.11.2009

„Ich bin froh und dankbar!“

Von Moritz Schwarz

Trotz allem dankbar und froh über die Einheit: Der ehemalige Bundesminister und FDP-Politiker Rainer Ortleb Foto: JF

Herr Professor Ortleb, erinnern Sie sich noch an den Abend des 9. November 1989? 

Ortleb: Natürlich, vor allem an das Gesicht meiner Frau, die eine West-Reise beantragt hatte und der ich, als sie spät abends nach Hause kam, eröffnete: „Du brauchst nicht auf deine Papiere zu warten, du kannst gleich fahren!“ Sie können sich vorstellen, wie sie aus allen Wolken gefallen ist.

Im ersten Moment hat man das alles damals ja gar nicht fassen können: Die Mauer, die Teilung, all das schien für immer zementiert. Heute kann man kaum noch nachvollziehen, was deren Ende damals bedeutet hat.

Viele Deutsche klagen aus persönlichen Gründen mehr über die Wiedervereinigung, als daß sie sich aus Patriotismus darüber freuen.

Ortleb: Das ist unendlich schade! Für mich ist ganz klar: Ich bin froh und dankbar, und man sollte sich nicht dazu verleiten lassen, seine politischen Enttäuschungen über die letzten zwei Dekaden über die Freude an der Wiedervereinigung unseres Vaterlandes zu stellen.

„Die Bonner Politik wußte nichts mit der Einheit anzufangen“

Die Einheit der Nation ist für Sie ein Wert an sich?

Ortleb: Ja, und zwar weil ein Staat nicht leben kann ohne Volk und Nation. Die DDR hat den Fehler gemacht, sich einzubilden, dies sei möglich. Auch wenn das nicht der direkte Grund für ihren Untergang gewesen ist, weil sie von noch viel fundamentaleren Konstruktionsfehlern gezeichnet war, gehörte zu ihren Lebenslügen sicher die Ausklammerung der deutschen Frage. Ich war erstaunt, als ich später feststellen mußte, daß es auch in der Bundesrepublik die Tendenz dazu gibt.

Was meinen Sie damit konkret?

Ortleb: Natürlich stellt sich die Frage nach Volk und Nation heute anders als in der DDR: Heute geht es zum Beispiel darum, ob man Volk durch Bevölkerung ersetzen kann. Die Vorstellung, es sei egal, wer in einem Staat lebt, denn schließlich könne jeder mit jedem, ist aber ein gründlicher Irrtum.

Wer so etwas vertritt, hat keine Ahnung von Geschichte. Denn tatsächlich muß eine Gemeinschaft ein Nationalverständnis haben, zum Beispiel um zu begreifen, warum man nicht nur für sich, sondern für die Gesamt
heit verantwortlich ist.

Von 1990 bis 1994 waren Sie Bundesminister in Bonn. Man hat den patriotischen Impuls der Wiedervereinigung dort also nicht aufgenommen? 

Ortleb: Nein, ich mußte feststellen, daß das Thema Patriotismus dort mit der Wiedervereinigung abgehakt zu sein schien, statt dessen blickte man lieber wieder nach Europa. Ich habe nichts gegen Europa, aber es war bestürzend zu erleben, daß die politische Klasse des wiedervereinigten Deutschland mit dem Geschenk der Einheit offenbar gar nichts anzufangen wußte.

Es war, als wäre ihnen das im Herbst 1989 so dazwischengekommen, und nachdem man das Problem am 3. Oktober 1990 unter Dach und Fach gebracht hatte, ging man wieder zur europäischen Tagesordnung über, als sei nichts gewesen. >>



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M H aus Augsburg

Montag, 09-11-09 22:50

Jemand, der mit offenen Worten den politisch bewußt gesteuerten "Volksmord" zugunsten einer schnell mobilisierbaren, konsumgelenkten und wertelosen Bevölkerung kritisiert, mehr Nationalbewußtsein und eine Abkehr vom eingeschlagenen neoliberalen Weg fordert, diskreditiert sich mit dem folgenden Wahlaufruf selbst und wäre, sofern sein Name selbstbestimmt darin auftaucht, negativ gesehen absolut unglaubhaft, positiv gesehen wiederholt verblendet. Aber vielleicht kommt auch hier 20 Jahre zu spät die Irrtumseinsicht:

http://die-linke.de/wahlen/kampagne/wahlaufrufe/

 
 

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