Dienstag, 06.10.2009 Prominente springen Sarrazin bei
 Thilo Sarrazin: Der ehemalige Berliner Finanzsenator steht nach einem Interview unter Druck Foto: Deutsche Bundesbank
BERLIN. In der aufgeheizten Debatte um die Interview-Äußerungen des Bundesbankvorstandsmitglieds Thilo Sarrazin (SPD) hat der ehemalige Präsident des BDI, Hans Olaf Henkel, den ehemaligen Berliner Finanzsenator in Schutz genommen. In einem Interview mit dem Deutschlandfunk am Montag sagte Henkel, Sarrazin habe sich differenziert mit dem „Ausländerproblem in Berlin“ auseinandergesetzt und werde jetzt dafür „fertiggemacht“.
Vieles von dem, was Sarrazin gesagt hatte, stimme, pflichtete Henkel ihm bei. Doch würden in Deutschland „gewisse Wahrheiten nicht ausgesprochen, und wenn sie ausgesprochen werden, dann wird sich nicht mit den Punkten auseinandergesetzt“.
Hintergrund sind kritische Äußerungen Sarrazins in einem Interview der Zeitschrift Lettre International zu Integrationsdefiziten bei in Deutschland lebenden Türken. Am Wochenende war bekanntgeworden, daß sich der 64 Jahre alte SPD-Politiker möglicherweise wegen Volksverhetzung verantworten muß.
„Nicht das, was er gesagt hat, ist ein Skandal“
„Nicht das, was er gesagt hat, ist ein Skandal, sondern ein Skandal ist, wie die deutschen, die meisten deutschen Medien und viele politische Vorbilder mit ihm umgehen“, so Henkel weiter im Deutschlandradio-Interview. Sarrazin werde „hier wirklich fertiggemacht“, und zwar sowohl von der Berliner Staatsanwaltschaft, die mit Verdacht auf Volksverhetzung gegen ihn ermittle, als „auch von Gutmenschen der grünen und linken Szene, die jetzt wieder meinen, sie müßten die Probleme zudecken“.
Die Öffentlichkeit werde gegenwärtig Zeuge eines „unglaublichen und schändlichen Vernichtungsfeldzuges gegen einen Menschen“, so Henkel, der heute als Publizist arbeitet. Derzeit prüften Staatsanwaltschaft und Landeskriminalamt, ob ein Anfangsverdacht auf den Straftatbestand der Volksverhetzung vorliege, sagte ein Polizeisprecher der Nachrichtenagentur Reuters.
Der Präsident der Deutschen Bundesbank, Axel Weber, hat dem ehemaligen Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin den Rücktritt nahegelegt. Sarrazin solle sich aus dem Vorstand der Bundesbank zurückziehen, um dem Ansehen der Einrichtung nicht zu schaden, heißt es laut einem Bericht von Spiegel Online.
Danach soll Weber gesagt haben: „Jeder hat Verantwortung für die Institution und muß mit sich selbst ins Gericht gehen.“ Es gehe um die Glaubwürdigkeit der Bank. Dieser Verantwortung müßte sich ein jeder Mitarbeiter bewußt sein – vom Pförtner bis zum Vorstand.
Türkische Gemeinde fordert Entschuldigung
Auch der Vizechef der Türkischen Zentralbank, Ibrahim Turhan, schaltete sich mit einem Kommentar in die deutsche Debatte ein. Nach einer Meldung der Zeitung Sabah vom vergangenen Sonntag sagte er im Hinblick auf Sarrazin: „Allah möge ihm mehr Verstand geben.“
In Deutschland lebende türkische Verbandsvertreter gaben ebenso ihrer Abneigung gegen Sarrazin Ausdruck. „Das ist unerhört!“ sagte der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland Kenan Kolat der Nachrichtenagentur dpa, nachdem das Interview veröffentlicht worden war.
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