Sonntag, 27.12.2009 Angst, was das Morgen bringt
Von Michael Hofer
 Szene aus dem Doku-Drama „Hungerwinter“: Eindrucksvolle Veranschaulichung durch Spielszenen Foto: NDR/Le Vision/Stefan Erhard
Wir ziehen auf endlosen Straßen, durch Tage und Nächte dahin, von Gott und den Menschen verlassen, ganz ohne Ziel, ganz ohne Sinn ...“ Hans Albers’ 1947 aufgenommenes „Lied der Flüchtlinge“ erklingt zu Dokumentaraufnahmen von Elendszügen zerlumpter Gestalten, die an den Ruinen zerstörter Städte vorbeiziehen.
In der Wochenschau, die Albers beim Einspielen der Platte zeigt, präsentiert sich der strahlende Held zahlloser Ufa-Vehikel unrasiert, mit offenem Hemd und abgenutztem Anzug: Auch der Star ist nur ein Mann aus dem Volke, der an dem Schicksal von Millionen teilhat. Das bedeutete in der unmittelbaren Nachkriegszeit nichts weniger als den Kampf um das nackte Überleben. Albers’ Lied leitet stimmig das von der ARD produzierte Doku-Drama „Hungerwinter“ (Sa., 27. Dezember, 21.45 Uhr, ARD) ein, in dessen Mittelpunkt sechs exemplarische Einzelschicksale stehen.
Der titelgebende Winter 1946/47 zählte zu den kältesten des 20. Jahrhunderts überhaupt. Die Elbe und der Rhein froren auf viele Kilometer weit zu. Damit waren Binnenschifffahrt und Kohleversorgung lahmgelegt. Die Aufteilung des Landes in Besatzungszonen blockierte die Lieferwege. Die Städte lagen noch in Trümmern. Zusätzlich waren etwa zehn Millionen Flüchtlinge und Vertriebene zu versorgen. Dieser harte Winter soll Hunderttausende Tote gefordert haben.
Hunderttausende starben an Hunger und Kälte
Die Erfahrungen dieser Zeit haben ganze Generationen traumatisch geprägt – um so mehr, als viele der Betroffenen noch Kinder oder Jugendliche waren. „Ich habe erfahren, daß Hunger unaufhörlich Schmerzen erzeugt. Innere Schmerzen, seelische, körperliche Schmerzen“, berichtet der 1936 geborene Günther Kammeyer. „Man fühlt, du bist an einem Punkt angelangt, leben oder sterben.“ – „Hunger ist mit Angst verbunden“, berichtet Wilhelm Müller, Jahrgang 1925: „Angst, was das Morgen bringt, was mit einem selbst oder was mit der Familie wird.“
Martin Schneider war 1946 als Elfjähriger mitsamt seiner jüngeren Schwester drauf und dran, sich umzubringen. Die Mutter war nicht mehr imstande zu helfen: Nach mehrfacher bestialischer Vergewaltigung durch russische Soldaten war sie nur mehr ein seelisches und körperliches Wrack. „Die Bilder bleiben im Kopf, die werden Sie nie los“, sagt Schneider.
Lebensernst in den Gesichtern einer Generation
In den Gesichtern der Zeitzeugen spiegelt sich bis heute die Härte und der Lebensernst der Generation, die „nichts wegschmeißen kann“, weil sie sich immer noch an den lebensrettenden Wert von Kartoffelschalen und Hühnerfutter erinnert. Die Erinnerung an den Geruch von Brot oder Rotkohl, an waghalsige Unternehmungen, bei denen Fleisch und Kohle erbeutet wurden, an Weihnachtsmahle, bei denen es einen Löffel Suppe mehr gab als sonst, ist für viele so lebhaft präsent geblieben, als wären sie erst gestern dem Tod entronnen. >>

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